Paartherapie Berlin

Lesen Sie hier unseren Artikel aus der Psychologie Heute compact "Wir zwei!" Heft 31, 2012:



Die Wissenschaft der Liebe lehrt uns, dass die Liebe ein evolutionär geprägter Überlebensmechanismus ist. Auch wenn die meisten von uns nach einem Höchstmaß an Unabhängigkeit und Individualität streben, sind und waren wir Menschen schon immer eine abhängige Spezies. Das Überleben als Mensch ist und war schon immer von der Kooperation mit anderen Menschen abhängig. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Menschen mit einem ausgeprägten Bedürfnis nach Nähe zu anderen Menschen evolutionär im Vorteil waren. Aber Liebe kann mehr, als Menschen zwecks Aufgaben- und Ressourcenaufteilung zusammenzubringen. Liebe vermag es auch, den Schmerz, den das Leben unweigerlich mit sich bringt, zu lindern und das Leben trotz Problemen und Leid lebenswert zu machen. Wenn wir Zuflucht und Geborgenheit in den Armen eines geliebten Menschen finden können, dann werden Probleme, die uns zu überwältigen drohten, zu Herausforderungen, die uns anspornen.

Einen beindruckenden wissenschaftlichen Beleg für die schmerzlindernde Wirkung von Liebe lieferte der amerikanische Psychologe Jim Coan von der University of Virginia. Er zeigte, dass glücklich verheiratete Frauen, die im Labor einer angsteinjagenden und schmerzlichen Situation ausgeliefert wurden, diese Situation subjektiv als weniger beängstigend und weniger schmerzlich empfanden, wenn ihre Ehemänner währenddessen ihre Hand hielten. Dieser Effekt war per Magnetresonanztomographie (MRT) sogar objektiv messbar: Wenn der Ehemann die Hand hielt, dann zeigte sich auf dem MRT in Hirnzentren, welche Angst und Schmerz registrieren, deutlich weniger Nervenaktivität. Die Wissenschaft der Liebe lässt keinen Zweifel mehr daran, dass Geborgenheit und Akzeptanz Grundbedürfnisse des Menschen sind. Die Sozialpsychologen Roy Baumeister und Mark Leary folgerten aus einer gründlichen Studie aller bis dato zu diesem Thema verfügbaren Forschungsergebnisse, dass Beziehungen für Menschen ebenso wichtig sind wie Nahrung und Wasser. Die Qualität unserer Verbindungen mit anderen Menschen ist also nicht nur eine Frage unserer allgemeinen Zufriedenheit, sie ist auch eine Frage unseres Überlebens.

Aussagen wie „Sie ist an einem gebrochenen Herzen gestorben.“ belegen, dass Menschen den Zusammenhang zwischen Liebe und Überleben schon immer intuitiv wahrgenommen haben. Heute mehren sich die wissenschaftlichen Belege für diesen Zusammenhang. Die amerikanische Forscherin Janice Kiecolt-Glaser von der Ohio State University fand zum Beispiel heraus, dass negative Interaktionen mit dem Ehepartner das Immunsystem hemmen und Wundheilungsprozesses verlangsamen. Wir wissen heute auch, dass sich das Risiko auf einen weiteren Herzinfarkt bei weiblichen Herzpatientinnen verdreifacht, wenn sie in einer unglücklichen Partnerschaft leben, und dass emotionale Isolation ein ebenso großes Gesundheitsrisiko darstellt wie Bluthochdruck oder Rauchen. Während Freud noch die Sexualität in den Mittelpunkt der menschlichen Motivation stellte, so wird heute stets klarer, dass Menschen in erster Linie vom Streben nach emotionaler Verbundenheit – nach Geborgenheit und Akzeptanz – motiviert werden.

Was ist eigentlich neu an der Wissenschaft der Liebe? Wussten wir nicht schon immer, dass Geborgenheit und Akzeptanz zentrale Grundbedürfnisse des Menschen sind? Neu ist, dass wir heute wissenschaftliche Belege für diese intuitive Weisheit haben. Neu ist auch, dass wir heute wissen, dass Autonomie und Abhängigkeit nicht, wie bisher angenommen, entgegengesetzte Pole sind. Stattdessen sind es zwei Seiten derselben Medaille. Denn je stärker unsere emotionalen Verbindungen mit anderen wichtigen Menschen sind, desto unabhängiger, selbstbewusster und stresstoleranter können wir sein. Dies ist ein wichtiger Punkt, denn emotionale Abhängigkeit wird in unserer Kultur häufig als psychisches Defizit gesehen – sogar von vielen Psychologen. Nicht zuletzt ist neu, dass wir heute verstehen wie glückliche Beziehungen funktionieren und wie man sie aktiv schaffen kann. Die Wissenschaft der Liebe gibt uns eine Art Landkarte, die uns davor schützt, dass wir uns in der Liebe „verirren“.

 

Wie Beziehungsleid entsteht

Panik ist die natürliche Reaktion auf eine Gefahr für Leib und Leben oder auf den möglichen Verlust von etwas, das fürs Überleben von unschätzbarem Wert ist. Daher führt der drohende Verlust von Liebe unweigerlich zu Panik und Schutzverhalten. Es gibt viele verschiedene Signale, die auf einen drohenden Verlust der Liebe hindeuten. Einige Beispiele hierfür sind Gesten der Ablehnung, Zurückweisung oder Kritik. Aber auch eine wahrgenommene emotionale Distanz, ein Mangel an Wertschätzung oder ein Mangel an Aufmerksamkeit und Interesse sind Gefahrensignale.

Bemerkenswerterweise nehmen Menschen diese Signale häufig nicht bewusst als einen drohenden Verlust der Liebe wahr. Sie sind sich nicht wirklich der Panik bewusst, die sie fühlen, wenn sie diese Signale registrieren. Stattdessen mobilisieren sie blitzschnell ihre Abwehr, um diese hochgradig unangenehmen Panikgefühle zu umgehen. Ganz konkret heißt das meistens, dass sie mit Ärger oder mit emotionaler Distanzierung reagieren.

Auch wenn dieses Schutzverhalten eigentlich ein Ausdruck unseres großen Bedürfnisses nach Liebe und unserer großen Verlustangst ist, so ist es zugleich auch der Ursprung von Beziehungsleid. Das große Problem ist nämlich, dass die Schutzreaktion des einen Partners für den anderen Partner wiederum ein Gefahrensignal darstellt. Dieser reagiert dann ebenfalls mit Schutzverhalten, sodass eine sich selbst verstärkende, negative Interaktionsschleife, ein Teufelskreis, entsteht.

Teufelskreise schleichen sich oft langsam und fast unbemerkt in eine Beziehung ein. Sie entstehen, weil wir Menschen sehr sensibel auf einen drohenden Liebesverlust reagieren. Oft beginnen diese Teufelskreise in Zeiten, in denen ein Partner dem anderen aufgrund von stressreichen Lebensereignissen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken kann wie zuvor. Wenn sie einmal etabliert sind, dann entwickeln diese Teufelskreise für gewöhnlich eine Art Eigenleben: Die Partner verfangen sich immer schneller darin, und immer mehr gemeinsame Lebensbereiche werden in ihren Bann gezogen. Das geht häufig so lange, bis ein Partner feststellt, dass er dem anderen gegenüber keine Liebe mehr empfinden kann. Nicht selten kommt es in diesem Stadium einer Beziehung zu emotionalen oder sexuellen Affären.

Schauen wir einmal, wie ein Teufelskreis vom Typ Angriff-Rückzug ganz konkret aussehen kann: Chris kommt von einem langen Arbeitstag nach Hause. Er hat sich extra darum bemüht früher loszufahren, um seiner Frau Laura eine Freude zu bereiten. Unterwegs gerät er in einen Stau und trifft deshalb verspätet zuhause ein. Er kommt in die Küche, in der Laura gerade das Abendessen zubereitet. Noch bevor er „Hallo Schatz“ gesagt hat, sieht er ihren Gesichtsausdruck. Er kennt diesen Gesichtsausdruck und weiß, dass er nichts Gutes verheißt. Wenn er bewusst darauf achten würde, dann könnte er jetzt ein mulmiges Kribbeln in seinem Bauch spüren. Doch das tut er nicht. Stattdessen sagt er sich „Es hat doch keinen Sinn – ich beschäftige mich lieber mit etwas anderem“, und geht schweigend in sein Arbeitszimmer. Sie ist in der Küche und scheppert immer lauter mit den Töpfen. Das Scheppern der Töpfe signalisiert ihm eine Gefahr und er sagt sich „Ich gehe lieber nicht in die Küche, sonst bekomme ich wieder zu hören, dass ich zu nichts tauge.“ Er sitzt am Computer und ist tief in seinem Inneren traurig darüber, dass er nicht entspannt bei ihr sein kann. Sie ist in der Küche und fühlt sich verzweifelt und traurig, da sie den Eindruck hat, dass er sich überhaupt nicht für sie interessiert. Was er nicht weiß: Sie konnte seine Rückkehr von der Arbeit kaum erwarten, weil sie ihm eine wichtige Neuigkeit mitteilen wollte. Außerdem hatte sie extra eines seiner Leibgerichte zubereitet. Dennoch hatte sie schon befürchtet, dass sich die Dinge so entwickeln würden, denn er verhält sich ihr gegenüber nun schon lange so distanziert und desinteressiert.

Er könnte zu ihr gehen und ihr erklären, warum er zu spät ist. Doch er tut es nicht, weil er erwartet, dass sie ihm sowieso nicht glauben und ihm stattdessen vorwerfen wird, wie unzuverlässig und verantwortungslos er doch ist. Sie könnte zu ihm kommen und ihm davon erzählen, wie einsam sie sich fühlt und wie sehr sie sich nach seiner Nähe sehnt. Doch sie tut es nicht, weil sie sich sicher ist, dass er nicht richtig reagieren wird, denn „er ist ein Gefühlskrüppel und wenn er Nähe will, dann geht es ihm immer nur um Sex.“ Chris und Laura sind an einem Punkt in ihrer Beziehung angelangt, an dem fast jedes kleine Signal den Teufelskreis in Gang setzten kann. Alles, was in diesem Fall notwendig war, um den Teufelskreis auszulösen, war ein kleiner Verkehrsstau und eine ganz bestimmte Spannung in ihrem Gesicht, als er in die Küche kam.

 

Wie man glückliche Beziehungen schaffen und unglückliche Beziehungen heilen kann

Menschen sind oft in ihrem eigenen Schmerz gefangen. Sie nehmen nur wahr, was ihr Partner tut und wie sie dadurch verletzt werden. Sie sehen jedoch nicht, dass auch sie einen großen Einfluss auf ihren Partner haben und sie den Teufelskreis und ihr Beziehungsunglück mit ihrem Schutzverhalten (unbeabsichtigt) genauso aufrechterhalten wie es der andere tut. Zu erkennen und zu akzeptieren, wie verletzlich man dem Partner gegenüber ist und wie man einander mit dem jeweiligen Schutzverhalten unbeabsichtigt in Teufelskreise zieht, ist der erste Schritt um eine glückliche Beziehung zu schaffen oder eine unglückliche Beziehung zu verändern. Wenn eine Beziehung ein Tanz ist, in dem wir uns gegenseitig emotional beeinflussen, dann müssen wir lernen den gesamten Tanz zu sehen, statt nur die Schritte unseres Partners wahrzunehmen.

Die wichtigste Lektion der Wissenschaft der Liebe ist wohl, dass Liebe nicht einfach „passiert“, und dass wir ihrem Kommen und Gehen nicht hilflos aufgeliefert sein müssen. Liebe ist etwas, das man kreieren kann. Aber nur gemeinsam. Wenn sich Partner ineinander verlieben, dann erschaffen sie die Gefühle von Liebe und Leidenschaft zusammen, indem sie langsam aufeinander zugehen und Schritt für Schritt mehr von sich preisgeben. Ähnlich werden die Teufelskreise einer unglücklichen Beziehung gemeinsam erschaffen, nur dass sich die Partner hier immer weiter voneinander wegbewegen und sich immer mehr verschließen. Die gute Nachricht ist, dass wir heute ganz genau wissen, wie Partner zusammenarbeiten können, um sich aus Teufelskreisen zu befreien und sich wieder ineinander zu verlieben.

Die meisten von uns sind hervorragend im Erfassen von linearen Kausalitäten. Jedoch ist diese Art von Denken Gift für jede Beziehung. Denn in Beziehungen gibt es in Wirklichkeit keine geraden Linien, sondern nur Kreise. Wenn beide Partner erkennen, wie sie ihr Unglück zusammen selbst kreieren – nicht weil sie masochistisch sind, sondern weil sie wie alle Menschen sehr verletzlich sind – dann erlangen sie eine neue Perspektive auf ihre Beziehung, die gegenseitige Schuldzuweisungen unnötig macht. Plötzlich sieht der andere nicht mehr wie der böswillige Gegner aus, und dadurch fällt es leichter, das eigene Schutzverhalten abzulegen. Jetzt öffnet sich die Tür zu einer neuen Art des Kontaktes miteinander. Die Partner können sich einander (wieder) öffnen und dem anderen die eigenen Ängste und Bedürfnisse mitteilen. Und das verwandelt die Beziehung. Denn wenn Schutzverhalten negative Kreisläufe entstehen lässt, dann erzeugt emotionales Sich-Öffnen positive Kreisläufe. Das liegt daran, dass Schutzverhalten (sprich Ärger, Kritik und emotionale Distanz) Gefahrensignale aussendet. Sich-Öffnen hingegen sendet dem Partner Botschaften, die Verlustängste lindern.

Verlustängste färben alles. Solange sie präsent sind blockieren sie positive Entwicklungen in allen anderen Bereichen. In unglücklichen Beziehungen sind Verlustängste fast immer präsent– auch wenn diese meistens nicht auf den ersten Blick wahrnehmbar sind. Die Abwesenheit von Verlustängsten ist die Grundlage für die Entwicklung von Spontanität und Leidenschaft. In einer Beziehung, in der sich beide Partner akzeptiert und geborgen fühlen, können sie mehr sie selbst sein und den Herausforderungen des Lebens trotzen. Denn sie haben eine stabile Basis im Hintergrund – sie haben jemanden, der ihnen Rückendeckung gibt.